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...oder was finden Sie hier, gibt es eine Botschaft, was sprechen diese Bilder?

Ich behaupte nun mal etwas dreist, Watteler weiß es selber nicht. Er findet das halt einfach interessant, es sieht irgendwie gut aus, da hat er es geknipst. Und das ist sein Recht als Künstler, er muss nicht mit Worten erklären können, was er mit Bildern macht, ja er muss es noch nicht einmal wissen: es ist aus dem hohlen Bauch, wie man sagt, es ist Gefühl, Eingebung, Intuition.

Aber er ist Kind seiner Zeit und so sind diese Bilder Zeichen unserer Zeit. Diese Bilder sind kein Zufall und sie werden in Ihrem Unterbewusstsein nachwirken und Ihr Bewusstsein von Gegenwart prägen.

Und hier beginnt mein kleiner Job, denn es ist meine Auf-gabe als Kunsttheoretiker, mit Worten das zu deuten, was der Künstler einfach hinterlässt und der Betrachter einfach genießt.

Kleiner Kurs im "Sehen” also: Alles Sichtbare ist Sprache, ist ein visueller Code, der deutlich erzählt. Ihre Kleidung, Ihre Frisur und Ihre Mimik, Ihr Auto und Ihr Tascheninhalt, Ihre Zigarette und Ihre Cartieruhr. Visuelle Bildnachrichten bestimmen unsere Entscheidungen zu 84%, mehr als Nachrichten der Sprache.

Alles was wir sehen, wird zu seiner Erklärung zu irgend-welchen Bildern geschoben, die in unserem Bildgedächtnis wie in einer Lebensdatei schlummern. Dieses Phänomen ist die Assoziation. Also Panorama des Bildspeichers:

Neblige Landschaften lassen den Horizont unbestimmt, ein undurchdringlicher Himmel und oft Schnee, Kälte. Eine karge, fast wüstenartige Landschaft ohne Natur in ihren lieblichen, heimeligen Formen. Die sehnsuchtvolle End-losigkeit des Caspar David Friedrich. Statt Mönch am Meer hier diese Stangen im landschaftlichen Nichts.
Fahren wir fort in dieser Methode des Assoziierens:

Diese Stangen ähneln Akupunkturnadeln in weichem Fleisch oder präzise geworfenen Stickern. Ein japanisch anmuten-des Spiel, Mikadostäbe, oder die technoide Ersatz von Bäumen the day after, Torerodegen im Rücken des Stiers, ein Elektroschockvorrichtung oder eine Fesselung, ein technisch experimenteller Laborversuch oder erinnern wir hier nicht die qualvolle Endlosigkeit eines Soldatenfriedhofs bis hin zu rituellen religiösen Zeichen wie dem Kreuz auf Golgatha: Linien bei dem Romantiker Friedrich sind auch meistens das christliche Kreuz, das formal fremd in seinen Landschaften steht.

Oder markieren die Stangen einen Strich-Code auf der Landschaft wie auf Waren im Supermarkt? Ist dies das rituelle Zeichen unserer Zeit?

Man kann das Spiel des "es sieht aus wie..., es erinnert mich an...” endlos weiter spielen, doch kommen wir einen Moment zu ein paar bildanalytischen Bemerkungen:
Zwei inhaltliche Elemente: Watteler konfrontiert mit äußerster Härte die weichen Flächen und die harten Linien. Welches Temperament von Linie denn hier? Nicht eleganter Linienverlauf, spannende Geschwungenheit oder faszinie-rende Kurve, sondern dieses Staccato, diese begrenzten, präzisen und gnadenlos geraden Runen. Linie in ihrer nüchternsten Form, gerade noch als Draht und Stange in lediglich zwei Dicken: basta!
Watteler führt unerbittliche Reduktion und Strenge vor.

Das Formelement Linie steht in der Kunst für Rationalität und Willenskraft, für Klarheit, Maß und Präzision, es sind die Nerven und Begrenzungen: Strenge und Ordnung. "Da steht es Schwarz auf Weiß” sagt der Volksmund, auch Farblosig-keit ist Zeichen für das Fehlen des Lebendigen, die Linie dominiert in Epochen der Askese und des religiösen Eifers, denken Sie an die lineare Skelettierung der Wandung einer gotischen Kathedrale, für die auch die Vertikale typisch ist.

Watteler macht Bilder der Geometrie, der Technik und der Mathematik und Konstruktion.
Und doch - Watteler ist Landschafter! Er zeigt Natur. Er führt das Genre vor, in dem jahrhundertelang das Naturverhältnis einer Gesellschaft bezeugt wurde. Er zeigt Landschaften mit einer sensiblen Hingabe und hauchfeinen Valeurs, er zeigt sie liebevoll und geradezu scheu, gleichsam als wolle er sie nicht stören, diese rätselvollen Nebel und belebten Tiefen oder als wisse er um ihre Verletzbarkeit. Wollte man die Bilder vertonen, so hörte man Flüstern nur.
Watteler bedient sich der Stilmittel der Romantik, das ist die Formel schmerzhafter Natursehnsucht, die der moderne Mensch empfindet. Allerdings durchs Objektiv sieht Watteler diese subjektivste Landschaftsauffassung, distanziert oder sogar getrennt durch ein technisches Medium. Watteler zeigt "Natur 2000”, in hundert Jahren wird man dies als unseren Naturbegriff vorführen. Kein Zweifel: Natur ist Thema und Geometrie ist Thema.
So stehen die barock und weich liegenden, lebensvollen Horizonte als Waagerechten mit den harten Vertikalen im kompositorischen Kampf oder bilden die formalästhetische Dramatik, ja geradezu das einzige Programm, das diese Fotos haben.

So begegnen sich hart zwei Welten: die biomorphen Formen der Landschaft und die technomorphen Formen der Hopfen-stangen, interpretierbar als zwei heterogene Prinzipien und ein anscheinend unversönliches Gegensatzpaar: Chaos und Ordnung, Gefühl und Vernunft, Subjektivität und Objekti-vität, Natur und Technik.

Erich Fromm nennt in "Die Seele des Menschen” zwei solcherart gegensätzliche Charaktere oder Menschentypen, die schicksalhaft das vergangene Jahrhundert geprägt haben: den biophilen Charakter, der die Natur und das Lebendige, das Fließende, das Freie und Zufällige, die natürlichen Wachstumsprozesse liebt und orientiert ist an der Liebe. Demgegenüber steht der nekrophile Charakter mit seiner Liebe zum Starren, Unwandelbaren, der pendantischen Ordnungsliebe, dem Zwanghaften und letztlich dem Toten sowie dessen Repräsentanz: dem Hass. Er sagt: "den Nekrophile ziehen alle Dinge an, die dem Leben abgewandt oder gegen das Leben gerichtet sind”. Den Biophilen andrerseits interessiert alles, was dem Leben nützt.
Wattelers Hopfenstangen sind Nadeln, Gitterstäbe, Fixierungen und Fesselungen. Sind sie nicht die Dressur- und Erziehungsmittel für die Kulturpflanze Hopfen, übrigens ursprünglich einer Kriechpflanze, diesen Zögling, den wir hier gar nicht zu sehen bekommen? So überziehen die kurzen Striche die Landschaft wie eine serielle Attacke im Maschinentakt.
Meist herrscht Winter. Kein Mensch zu sehen.

Unser Naturbegriff oder - wenn Sie das nicht wollen - dann unser ästhetischer Ordnungsbegriff, was freilich aufs gleiche hinausläuft.
Ganz ähnlich wie die "Geometrisierung der Landschaft” in den Fotos von Watteler gibt es z. B. eine "Mechanisierung der Sexualität”, unter der die kulturkritischen Denker von Rousseau bis Marcuse leiden. Ich erwähne das wegen einer witzigen Pointe: Bei Hartmut Böhme wird de Sade´s zynischer Schmerz in dessen Text zitiert, wie für jeden Liebesakt ein Kerbstrich in den Kaminsims höchst ordentlich und gerade anzubringen ist. Der Marquis de Sade ist ver-letzt und verzweifelt über die Disziplinierung und Quanti-fizierung des Liebesakts. Nüchtern rationale und buch-halterische Striche für extreme, ja doch heilige Naturpro-zesse, eben die der Sexualität.

Striche eben dort, oder Stangen hier, Stangen für Hopfen.
Wie Kerbstriche so schwarze Runen in der Natur.
Bauhausstil gegen Jugendstil. Ins Historische und Politische will ich hier die Bedeutungen nicht vertiefen. Die Kunst-geschichte allerdings wird es einmal tun und dann sicher vom Metapher oder sogar vom Menetekel der Beherrschung von Natur sprechen, der Indienstnahme von Natur, der industri-ellen Vernutzung und der Ökonomisierung der Natur.

Ich wünsche Ihnen ein großes Sehvergnügen und einen genüsslichen Anstoß, diese Bilder wie hintergründige Texte und Formeln zu erspüren und gebe ein letztes prominentes Zitat zur tieferen Bedeutung von Stangen und Stäben:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält,
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.
...
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille -
Und hört im Herzen auf zu sein.
(R.M.Rilke, Der Panther)

Professor Werner Kroener


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